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Kreatives Sabbatical und Buchtipp für Scanner

 

Hallo ihr Lieben!

 

Bis kurz vor meinem 40sten Geburtstag, habe ich immer gedacht, mit mir stimmt irgendetwas nicht. Ich hatte immer das Gefühl, bei mir läuft es nicht ganz so rund wie bei anderen. Während das Leben der Menschen um mich herum strukturiert abläuft, herrscht bei mir das Chaos, während andere einen Beruf haben und nach und nach ihre Karrieren aufbauen und Geld verdienen, fange ich immer wieder was Neues an. Mein Kopf arbeitet ständig und ohne Pause. Ich tanze andauernd auf mehreren Hochzeiten, habe viel zu viele Interessen. Nie bleibe ich an etwas dran, nie führe ich angefangenes zu Ende.

Schon in der Schule hatte ich viele AG’s und die Lehrer riefen am Anfang vom Schuljahr bei meinen Eltern an, weil ich mich schon wieder bei zu vielen Aktivitäten gemeldet hatte. Sie machten sich Sorgen, dass ich mein mir selber auferlegtes Pensum nicht durchstehen könnte. Ich war im Chor, obwohl ich nicht singen kann, Theater AG, Schreibmaschine, Steno (gibt’s das heute noch?), Französisch, Informatik, Foto AG, Badmighton, Zeichenkurs. Hinzukamen noch, dass ich diverse Sportarten ausprobierte Ballett, Kunstturnen, Tischtennis, Schwimmen, Handball, Fechten. In meiner kargen Freizeit, die ich noch hatte, las ich wie eine Bekloppte, malte, bastelte und schrieb Tagebücher. Eine Zeitlang las ich alles über Geschichte und Archäologie, dann wieder alles über Psychologie. Als dann die ersten Haustiere bei uns einzogen, fand ich Tiere total spannend, las alles über sie und nicht nur das, ich zeichnete sie auch noch. Kurze Zeit danach kam die Phase der Esoterik, Bücher über das Leben nach dem Tod, Räucherstäbchen. Zu diesem Zeitpunkt steckte ich mitten in der Pubertät mit all ihren Begleiterscheinungen. Und wenn ihr jetzt alle Schnappatmung bekommt, was ich da alles gemacht habe, dann kann ich euch beruhigen, das Meiste davon habe ich relativ schnell wieder aufgegeben.

Die wenigsten Sachen habe ich tatsächlich vertieft, nachdem ich mich ein bißchen in die Materie eingearbeitet hatte, fand ich es auch schon wieder langweilig und hörte sofort wieder auf!

Nach der Schule ging ich in meine erste Lehre, die war nix, ich machte sie aber fertig. Ich zog mit 18 aus, in meine erste Wohnung, kurze Zeit später zog ich in eine WG und fing dann meine zweite Lehre an. Ich dachte, ich hätte den Job fürs Leben gefunden und blieb 10 Jahre dabei. Zwischendrin zog ich nochmal um, in eine eigene Wohnung, baute ein Haus mit meinen Mann und wir zogen gemeinsam ein. Da war ich 28. Als mein erstes Kind auf die Welt kam, fand ich das so super, Mutter zu sein, also kamen relativ schnell Kind 2 und 3 zur Welt.

Damit es mir nicht langweilig wurde, fing ich an zu backen, zu kochen und zu dekorieren. Ich machte Zeichenkurse, Backkurse, Kochkurse, Erziehungskurse und diverse Kurse mit den Kindern. In dieser Zeit fing auch meine Liebe zur Fotografie an und um mich einzuarbeiten fotografierte ich, lernte Bildbearbeitung. Es stellte sich heraus, dass die Fotografie genau mein Ding war und so kündigte ich meinen Job und eröffnete ein Fotostudio.

Nebenher hatte ich diverse Ehrenämter, wollte überall dabei sein. Weihnachtsmarkt, Elternsprecher, Förderverein, Leitung des Mutter-Kind-Turnens, Faschingsverein. Keine Schulveranstaltung ohne mich, kein Kuchenverkauf ohne meine Kuchen, keine Bundesjugendspiele ohne meine Mithilfe.

Warum erzähle ich euch das alles so ausführlich? Ganz einfach, weil mich in all dieser Zeit ein Gefühl begleitete und das war nicht so schön. Ich machte irgendwie alles, aber nichts richtig. Ich sehnte mich nach einen strukturierten Leben, nach Ordnung und der einzig richtigen Sache für mich. Ständig diese Rastlosigkeit und der übervolle Kopf, nie Ruhe, nie Feierabend. Ich wollte einfach nur arbeiten gehen, ein Hobby haben und abschalten. Wenn ich mit meinen Umfeld darüber sprach, was ich sehr selten tat, kam oft der Satz, „du hast halt kein Durchhaltevermögen“, und irgendwann glaubte ich es auch. Genau, das war es, daran muss ich arbeiten, Durchhaltevermögen.

Ihr könnt es wahrscheinlich schon erraten, es klappte nicht, ich konnte einfach nicht durchhalten, ich war eher noch unglücklicher als das ich etwas fand, was mich ausfüllte!

Kurz vor meinem 40sten Geburtstag dachte ich intensiv über mein Leben nach, über das was war und was wohl noch kommen sollte. Die Zeit läuft schneller ab als einem lieb ist.

Und genau zu dieser Zeit fiel mir ein Buch in die Hände, wieder ganz zufällig, wie alles in meinem Leben. Und dieses Buch veränderte mein Leben komplett. Wenn mich jemand fragt, welches ist das wichtigste Buch in deinem Leben, so ist es eindeutig dieses. Es ist das Buch von Barbara Sher und heißt “ Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“.

Frau Sher beschreibt in diesen Buch einen besonderen Menschentypus und nennt ihn Scanner. Menschen, die eben nicht dranbleiben können, die viele Interessen haben, vieles nicht zu Ende bringen. Mit jeder Seite die ich las, dachte ich, das bin ich, das ist mein Leben und ich bin nicht allein. Wie cool ist das denn?

Das Buch klärt verschiedene Scannertypen und enthält viele praktische Beispiele die Scannern helfen. Es war tatsächlich das erste Buch, welches ich komplett durchgearbeitet habe. Mit jeder Seite merkte ich, ich bin nicht wankelmütig, ich bin halt ein Mensch, der viele Interessen hat, aber ich kann lernen damit umzugehen. Nicht mit mir stimmte was nicht, sondern die Art und Weise wie ich mich sehe und mich wahrnehme ist nicht richtig.

Für Menschen wie mich ist es ein sehr wertvolles Buch. Seite für Seite lernte ich mich besser zu verstehen. Ich habe mir als allererstes eine Liste mit all meinen Interessen gemacht und da war dann auch schon die entscheidende Erkenntnis, ich habe immer viele Projekte, aber ich kehre immer wieder zu den Gleichen zurück. Ich schreibe, zeichne, koche, lese und fotografiere mein Leben lang. Ich habe durchaus Konstanten in meinem Leben, mein Mann, meine Familie und Freunde, die ich, trotz wechselnder Bekanntenkreise, immer noch habe.

Ich habe aufgrund des Buches angefangen verschiedene Projektbücher zu führen. Ich hatte schon immer ein Buch, in dem ich alle meine Ideen aufschrieb, aber es war völlig wirr. Inzwischen habe ich an die 9 Projektbücher, den Themen nach geordnet. Meine Gedanken sind strukturiert und wenn sie erst aufgeschrieben sind, ist mein Kopf freier und ich kann Ideen umsetzten wenn ich Lust und Zeit habe, weil ich sie gleich finde.

Ich habe mir verschiedene Projektboxen angelegt, die stehen griffbereit da, wenn ich sie brauche um meine Ideen umzusetzen. Wenn mir also einfällt, ich könnte jetzt zeichnen, gehe ich an meine Box mit Schriften, Farben, Papier usw. und leg los. Ich habe teilweise Sachen doppelt gekauft um gleich starten zu können, wenn es mir einfällt, ohne lange nach meinen Sachen zu suchen.

Ich habe Ordnung geschaffen und mir nach und nach eine Arbeit-und Lebenssituation geschaffen, die zu mir passt. Vor der Selbstständigkeit hatte ich immer Angst, inzwischen weiss ich, es ist die einzig richtige Form für mich zu arbeiten, weil ich mir meine Zeit selber einteilen kann und somit auch Zeit habe für andere Projekte.

Natürlich bin ich immer noch chaotisch, habe es aber besser im Griff. Ob ich nun ein waschechter Scanner bin oder nicht, sei jetzt mal dahingestellt, ich denke, dass muss auch jeder für sich entscheiden, aber es ist auch völlig egal, denn das Buch hat mir geholfen. Nicht alles ist umsetzbar, jedes Leben ist nun mal anders, aber zu sehen, dass ich sehr wohl vieles auf die Reihe bekomme macht mich froh.

Und zu wissen, dass ich einfach Pausen zwischen meinen Projekten brauche und ich nicht durchhalten muss, weil ich sowieso irgendwann wieder zu den Projekten zurückkehre, erleichtert mein Leben ungemein.

Meine Pausen, meine kreativen Sabbaticals, wie ich sie inzwischen nenne, sind für mich Lebensnotwendig, auch wenn es bedeutet, dass auch z.B. mein Blog immer mal wieder ruht. Der Weg ist das Ziel, gilt für mich wahrscheinlich mehr als für andere und deshalb bin ich auch relativ Angstfrei, wenn ich neue Entscheidungen treffe. Neuanfänge machen mir keine Angst mehr, ich liebe sie, mit all ihren schlaflosen Nächten , Aufregung und der Unsicherheit, die halt dazugehört. Je öfter man es macht, desto weniger Angst hat man. Und egal ob man erfolgreich ist oder nicht, man hat es zumindest probiert.

Vielleicht schieße ich morgen mein Studio weil ich keinen Bock mehr hab, vielleicht auch nicht. Vielleicht laufe ich mal den Jakobsweg, nur so als Projekt und hör das Wandern danach sofort wieder auf, vielleicht auch nicht. Vielleicht schreibe ich ein Buch, vielleicht gebe ich Kochkurse, vielleicht verkaufe ich meine Zeichnungen, vielleicht mache ich irgendwann ein Ashram auf, weil ich gerade Yoga so toll finde. Vielleicht mache ich auch nichts davon.

Warum schreibe ich heute einen so langen Beitrag? Weil ich glaube, dass viele von euch da draußen auch so sind. Und weil ich Mutmachen will, es zu tun, egal was es ist. Einfach mal machen und wenn es nicht funktioniert, dann ist man halt auch mal gescheitert. Es ist meistens nicht so schlimm, wie man denkt.

Ich habe inzwischen ein sehr grosses Vertrauen in mein Leben und meine Fähigkeiten, dass es völlig egal ist, was noch kommt, ich bin im Reinen mit mir, ich versuche mir mein Leben so schön zumachen wie es nur geht, unabhängig davon, was andere davon halten. Auch wenn ich für diese Erkenntnisse schon recht alt werden musste. Aber besser spät als nie.

Und das allerwichtigste, was mir durch dieses Buch klargeworden ist, was ich aber eigentlich schon immer gewusst habe, es aber nie annehmen konnte, ist eigentlich ganz einfach, ich bin halt so wie ich bin und das ist richtig gut so!!!!

Eure Dani

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